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Läsionen als Hinweis auf Ursachen: Ein Lissaboner Psychiater setzt auf Schaltkreise statt auf Hirnregionen

Gonçalo Cotovio von der Champalimaud-Stiftung kartiert die Netzwerke, die psychiatrische Symptome hervorbringen. Aus den Karten werden Ziele für eine individuell ausgerichtete Hirnstimulation.

Reports and Proceedings

Genomic Press

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Gonçalo Cotovio, MD, PhD, Champalimaud Foundation, Portugal

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Credit: Gonçalo Cotovio, MD, PhD

LISSABON, 5. Mai 2026. Ein kleiner Schlaganfall in einem Hirnareal kann genügen, um eine bis dahin gesunde Person in eine manische Episode zu kippen oder Zwänge auszulösen, wo zuvor keine waren. Für Gonçalo Cotovio, MD, PhD, Psychiater und klinischer Forscher an der Champalimaud-Stiftung in Lissabon, ist das ein Ansatzpunkt, wie ihn die Psychiatrie selten besitzt. Der mit der Läsion verbundene Schaltkreis verweist auf eine Ursache, nicht auf eine bloße Begleiterscheinung. Auf dieser Prämisse hat Cotovio den Beginn seiner Laufbahn aufgebaut, und mit ihr will er sein Fach über ein Jahrhundert beschreibender Diagnostik hinausführen, hin zu Behandlungen, die jene Netzwerke ansteuern, die Symptome tatsächlich erzeugen.

Eine Wette auf Kausalität

Die Psychiatrie ist gesättigt mit Assoziationen. Hirnregion X leuchtet bei Depression auf, Konnektivitätsmuster Y unterscheidet sich bei Schizophrenie, doch die kausalen Pfeile bleiben meist offen. Cotovio nähert sich dem Problem, indem er Patienten betrachtet, bei denen der Pfeil bereits gezeichnet ist.

Im Genomic Press Interview, das in dieser Woche in Brain Medicine erscheint, fasst er die Logik knapp.

„Wenn eine fokale Hirnläsion ein Syndrom wie Manie oder eine Zwangssymptomatik auslösen kann, dann sagt das verbundene Netzwerk womöglich etwas Grundlegendes über die Krankheitsmechanismen“, sagt er.

Im Mittelpunkt steht das sogenannte lesion network mapping. Das Verfahren rekonstruiert den breiteren funktionellen Schaltkreis, der mit einer kleinen Schädigungsregion in Verbindung steht. Symptome, die auf Einzelfallebene über das ganze Gehirn verstreut wirken, laufen über viele Patienten hinweg häufig in einem gemeinsamen Netzwerk zusammen.

Auffällige Befunde liegen für die Manie vor, jüngst auch für die läsionsbedingte Zwangsstörung. Beide Syndrome hat Cotovio direkt untersucht. Inzwischen weitet er den Ansatz auf Essstörungen aus. Sein Anspruch ist im Ton bescheiden, in der Sache nicht. Er sucht Netzwerke, die mit psychiatrischen Symptomen nicht bloß korrelieren, sondern sie hervorbringen können, und er will sie als Angriffspunkte nutzen: Korrelation soll Mechanismus weichen.

Tischgespräche, daraus ein Berufsleben

Cotovio ist in Lissabon geboren und arbeitet bis heute dort. Sein Interesse am Gehirn führt er auf das Elternhaus zurück, in dem die Erwachsenengespräche selten von Verhalten und Emotion abrückten. Sein Vater ist Psychiater. Die Fragen, die an einem Familientisch fallen, wenn ein Elternteil psychiatrische Erkrankungen behandelt, prägen ein Kind, und in diesem Fall prägten sie eine Laufbahn. Die Medizin zog ihn an, weil sie dort steht, wo menschliche Geschichten auf Biologie und auf ärztliches Entscheiden treffen. Die Psychiatrie hielt ihn fest, weil sie all das zugleich verlangte.

Sein Medizinstudium schloss er 2014 an der NOVA Medical School ab. 2015 begann er als Forschungsassistent an der Champalimaud-Stiftung. 2023 promovierte er in Biomedizin, 2024 beendete er seine Facharztausbildung. Sein Mentor war Albino J. Oliveira-Maia, der die Neuropsychiatrische Einheit leitet. Bei ihm durchlief Cotovio die klinische Psychiatrie, die Bildgebung und die translationale Forschung, ergänzt durch Aufenthalte an der Harvard Medical School bei Alvaro Pascual-Leone, Michael D. Fox und Daniel Press. Diese Verbindung, sagt er, habe ihm beigebracht, zwischen Klinik und Labor zu wechseln. Sie erklärt zugleich, weshalb er sich weigert, das eine durch das andere zu verdrängen.

Von der Karte zur individualisierten Stimulation

Der zweite Teil von Cotovios Arbeit setzt dort an, wo der erste endet. Sobald ein kausaler Schaltkreis identifiziert ist, stellt sich die Frage, wie er angesprochen werden kann. Cotovios Antwort lautet praktisch: Magnetresonanztomographie und konnektivitätsgestützte transkranielle Magnetstimulation. Statt jedem Patienten dieselbe Spulenposition zuzuweisen, will er das individuelle Konnektivitätsprofil nutzen, um die Zielregion personenspezifisch zu bestimmen. Eine dritte Linie untersucht kortikale Erregbarkeit und funktionelle Konnektivität als mögliche Biomarker. Sie könnten, eines Tages, helfen, klinisch zu entscheiden, welche Patientin oder welcher Patient welche Intervention erhalten sollte.

Cotovio bleibt vorsichtig, was den Abstand zwischen Versprechen und Beleg betrifft.

„Die interessantesten Fragen verlangen meist Geduld, Differenzierung und die Bereitschaft, eigene Annahmen zu revidieren“, sagt er.

Den gleichen Anspruch richtet er an das Fach selbst.

„Elegante Methoden allein genügen nicht. Die Disziplin muss sich daran messen lassen, ob unsere Forschung dazu beiträgt, Leid zu erklären und das Leben der Menschen zu verbessern.“

Was nicht in den Lebenslauf gehört

Worauf er am stolzesten sei, fragt der Interviewer. Cotovio nennt kein Paper. Er nennt seine Familie. Welchen lebenden Menschen er am meisten bewundere. Seinen Vater. Sein Motto, im portugiesischen Original gegeben und fast entschuldigend ins Englische übersetzt, lautet concentração, descontração e vamos para a frente. Beim Laufen, sagt er, denke er am klarsten. Bei langen Mahlzeiten und ruhigen Abenden zu Hause schöpfe er Kraft. Für einen klinisch tätigen Forscher, dessen Gegenstand die Schaltkreise des menschlichen Leidens sind, ist diese Balance kein Luxus: sie ist sein Werkzeug.

Was Cotovio in Lissabon aufbaut, ist letztlich ein leises Argument. Die Psychiatrie darf mechanistisch sein, ohne reduktionistisch zu werden. Kausalität lässt sich auch am Menschen verfolgen, nicht nur an der Maus. Eine nicht-invasive Stimulation, geführt von der richtigen Karte, hat eine Chance, das zu leisten, was symptombasiertes Verschreiben nicht leistet. Die Arbeit steht am Anfang. Die Wette nicht.

Das Genomic Press Interview mit Gonçalo Cotovio gehört zur Reihe Innovators and Ideas. Sie stellt jene Menschen in den Mittelpunkt, die hinter den heute einflussreichsten wissenschaftlichen Durchbrüchen stehen. Jedes Gespräch verbindet aktuelle Forschung mit persönlichen Reflexionen und vermittelt der Leserschaft ein umfassendes Bild der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Zukunft mitgestalten. Indem fachliche Leistungen mit einem persönlichen Blick zusammengeführt werden, entsteht ein vielschichtigerer Erzählton, der zugleich anregt und informiert. Das Format eignet sich für Porträts, die den fachlichen Einfluss eines Forschers ebenso ausloten wie übergeordnete menschliche Themen. Weitere Informationen zu den vorgestellten Forschungsleitenden und Nachwuchskräften finden sich auf der Interview-Website: https://interviews.genomicpress.com/.

Das Genomic Press Interview in Brain Medicine mit dem Titel „Gonçalo Cotovio: Mapping causal brain circuits to personalize neuromodulation in psychiatry“ erscheint ab dem 5. Mai 2026 frei zugänglich in Brain Medicine unter folgendem Link: https://doi.org/10.61373/bm026k.0033.

Über Brain Medicine

Brain Medicine (ISSN: 2997-2639, online, und 2997-2647, Print) ist eine medizinische Forschungszeitschrift, herausgegeben von Genomic Press, New York. Die Zeitschrift bietet ein Forum für den fachübergreifenden Weg von der Innovation in den Grundlagen-Neurowissenschaften zur translationalen Medizin des Gehirns. Ihr Fokus umfasst die zugrunde liegende Wissenschaft, die Ursachen, den Verlauf, die Behandlung und die gesellschaftlichen Folgen von Hirnerkrankungen, über alle klinischen Disziplinen hinweg sowie an deren Schnittstellen.

Genomic Press Virtual Library: https://issues.genomicpress.com/bookcase/gtvov/

Medien-Website: https://media.genomicpress.com/

Vollständige Website: https://genomicpress.com/


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